Übertrieben

4. Etappe Triest – Cres, 132 Kilometer, 2225 Höhenmeter

Eine Radreise ist immer auch ein bisschen Vier-D-Schach – Maximale Reisezeit, verfügbare Unterkünfte, gewünschte Route und die körperliche Leistungsfähigkeit wollen gleichermaßen berücksichtigt und aufeinander abgestimmt sein. Das klappt nicht immer. Manchmal zwingt einen die Konstellation zu Zügen, bei denen man am Ende schachmatt ist – aber immerhin schachmatt in Cres auf Cres.

Büschen eng hier

Vernünftigerweise – und nach der ehernen Regel, wonach jede Tour egal ob kurz und leicht oder schwer und lang ( bei mir) um spätestens 18:30 endet – hätte die Fähre zwischen Brestova, Istrien und Porozina auf Cres eigentlich der Zielort sein müssen. Doch Kabinen kann man auf dieser 20-minütigen Überfahrt nicht buchen und von der nächsten Unterkunft trennten mich nach dem Anlegen um 19:10 noch 24 km und 435 Höhenmeter. Mich heißt in dem Fall 108 Kilo Gesamtgewicht – über die Masse der Einzelkomponenten Rad, Reisegepäck, Redakteur – muss aus Datenschutzgründen hier Stillschweigen bewahrt werden. Worüber ich berichten darf ist, dass der laut Barmer- BMI Rechner „leicht adipöse“ Versicherungsteilnehmer an dieser Stelle bereits über 100 km und auf 1900 Meter Höhe transportiert worden war. Die optimistische Vermieterin Gabi aus Cres meint, der Rest sei in einer guten Stunde zu schaffen und schickt mir die Google Maps Route – im Auto 32 Minuten. Eine Fahrradzeit wird sicherheitshalber gar nicht ausgespuckt. Wozu auch, ich muss ja sowieso irgendwie ankommen. Hätte mich nicht die Geschwindigkeitsbeschränkung von 20 kmh auf der Baustellenpiste ausgebremst, wäre die Gabi-Prognose sicher zu schaffen gewesen. Wenigstens bremst kein Verkehr die einsame Fahrt in die Nacht, wie in Slowenien heute Nachmittag. In Pogačaristan war von Radrespekt aber gar nichts zu spüren. Es sei denn, man interpretiert die nur angedeuteten Überholmanöver als begeisterte Annäherungsversuche. Selbst schuld, wenn man zur Istriendurchquerung die vermeintlich schnellste Route wählt.

Radautobahn mit Gehstreifen

Aber zu verführerisch war einfach die Aussicht Triest auf dem Bahntrassenradweg Giordano Cottur zu verlassen. Außerdem lag der Radladen (neues Rücklicht) genau auf dieser Route.

Ziegen im Gleisbett

In unglaublichen zwei Jahren wurde die Bahnstrecke Mitte des 19 Jhts durch den Karst gefräst.

So gehts mit spektakulären Aussichten auf die Bucht von Triest auf Asphalt und Schotter mit meist angenehmen Steigungen hoch durchs karstige Rosandra Tal.

Nur einmal versucht das Garmin die sanften Serpentinen durch eine unfahrbare Waldpfadrampe abzukürzen. Wenn da mal nicht, wie hinter vielem Garmin-Gegrummel ein unfähiger Überplaner dahintersteckt…

Brutalismus Bettenburg

Zuvor hatte mich eine erste Rampe unterhalb eines gigantischen Brutalismus-Bunkers zum Absteigen gezwungen – natürlich nur, weil mich eine entgegenkommende Wagenführerin bei 18 Prozent nach dem Weg fragte: Hier nicht. Der vermeintlich entwohnte Beton-Klotz entpuppt sich als städtisches Hospital – wenn man nicht schon krank ist, wird mans spätestens, wenn man hier eingeliefert. Es sei denn man ist Architektur-Feinschmecker. Die schöne Bahnstrecke jedenfalls mündet jedenfalls alternativlos hinter der italienischen Grenze in die Hauptschlagader gen Rijeka. Durch Regenschauer geht’s stetig bergan gen Kroatien.

Nichts mittelmeeriges hat hier Istrien; eher mitteleuropäisch sieht es aus. Fast wie daheim, wenn sich die bewaldeten Hügel nicht fast vulkankegelgleich formen würden. Sie geben bei dem verhangenen Himmel eine bedrohliche Kulisse ab, passend zum Schwerlastverkehr, der mich sicherheitshalber auch mal den Straßengraben aufsuchen lässt. Ein Hoch an dieser Stelle, auf den neuen Rückspiegel, der wenigstens ankündigt , wann dein letztes Stündlein schlagen könnte.

Gastro-Deko: Slowenische Sagengestalt. Anonymus mit Eishockeyschlägern und brennendem (?) Federhut

Die erste Herausforderung für den vegetarischen Balkanreisenden meistere ich mit Tartuffo Pasta in einem trostlosen Strassenrestaurant, das das kulinarische Gefälle zu Italien mustergültig abbildet, wo ich heute früh in der Kaffee Metropole Triest (Illy) mit einem formvollendeten Frühstück gestartet war. Dann erlöst mich hinter kroatischen Grenze eine Baustelle, die den Verkehr nur abwechselnd einspurig passieren lässt von der LKW- Plage. So darf ich die Abfahrt nach Opatja an die Kvarner Bucht ganz ungestört genießen, wo man in eine blühende Gartenlandschaft voller bonbonfarbener Villen und KUK – Kurhotel-Klötzen eintaucht.

Franks Somnerfrische

Designed nach dem Vorbild von Cannes und San Remo. Einst betteten sich hier die gekrönten Häupter windgeschützt zur Winterkur und ich bin dankbar, dass ich in tiefster Nebensaison unterwegs sein darf. Da ist selbst die Küstenstraße noch ein Genuss . Im Sommer sicher wie in allen Mittelmeerorten ein Graus. Der Aufschwung zum Weltkurort für Abazia kam übrigens mit der Zuganschluss via Südbahn und zum Bahnhof kam man mit der Überlandstrassenbahn. Heute braucht man die nicht mehr, man hat na den Stau. Ausser im April .

Da gleite ich fast allein erst durch die Parklandschaft und dann durch den kargen Karst zur Fähre.

Für drei Autos und mich setzt der Riesenpott von Jadrolinja über. Drinnen macht die überbesetzte Mannschaft im menschenleeren Salon die Dienstpläne für den Sommer.

Cres in the Dark

Um 20:15 habe ich dann endlich den Inselkamm erreicht, in kalter einsamer Dunkelheit muss man zwar nicht auf den Verkehr achten, aber dafür auf die Schafe, die auf dem warmen Asphalt nächtigen. Um neun tischt man mir in Cres sogar noch einen quasi vegetarischen Meeresfrüchte Risotto auf, an einem Einzel-Tisch mit Sicherheitsabstand zu den geduschten Gästen. Das Apartment war übrigens zunächst unauffindbar – weil Gabi zwar die richtige Hausnummer, aber die falsche Straße durchgegeben hatte Das ist vielleicht die kroatische Eröffnung im Vier D Schach für schlotternde Fortgeschrittene.

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